Gern bin ich an diesem Ort, im Norden Wernigerodes, im Gletschergarten. Ein schöner Tag im Oktober 1993. Ich sitze auf einer robusten Bank und schaue auf einen großen roten Stein aus Granit. Links neben dem großen roten Stein befindet sich eine Platte aus gleichem Material. Ein Vöglein singt, und der Gesang kommt mir traurig vor, als würde es die Vergangenheit zurückrufen wollen. Oft bin ich hier und meistens allein. Heute ist es schon später Nachmittag. Manchmal kommen Leute vorbei, was ich als unangenehm empfinde. Die Leute in diesem großen Garten sehen immer ernst aus und gesprochen wird nur leise. Der große und der kleine Stein sehen aus wie ein großer und ein kleiner Bruder, und es ist auch so: Es sind die Grabsteine von zwei Brüdern, die sich nicht kannten. Es sind die Grabsteine meiner Söhne. Der große Garten ist der Friedhof von Wernigerode. Der kleine Stein ist blank poliert und mit Goldbuchstaben ist eingraviert:

Zum Gedenken Marc Hesse 15.2.1979 18.2.1979

Meine Frau wollte unbedingt, dass in Form einer kleinen Platte unseres Sohnes Marc gedacht wird. Der große Stein ist auch blankpoliert und mit Goldbuchstaben ist eingraviert:

Unser lieber Sohn und Bruder

Kay Hesse     Geb. 16.1.1973 Verungl.16.1.1992

Beide sind auf tragische Weise umgekommen. Kein unabänderliches Schicksal, keine unheilbare Krankheit sind die Ursachen, die ihrem Leben so grausam ein Ende setzten. Das Leben hat sich durch unfassbares Leid gewandelt. Nie mehr wird es so sein, wie es einst war. Die Zeit wird Wunden heilen, indes die Narben werden ewig brennen. Wie war das damals, vor 3 bis 4 Jahren? 1987 verzogen wir beruflich bedingt von Neustadt nach Wernigerode. Kay begann im Sommer 1990 eine Lehre bei C+C Schöning in Witzenhausen. In Oberrieden, einem kleinen Vorort von Witzenhausen, hatten

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